Um das Richtfest haben sich etliche Bräuche entwickelt – kein Wunder, schließlich hat es eine lange Geschichte. Um das Jahr 700 n. Chr. wurde es in Skandinavien erfunden, als man dem Gott Odin Getreidegarben auf den fertigen Dachstuhl legte, um seine Pferde zu füttern und ihn günstig zu stimmen. Von Nordeuropa wanderte das Richtfest dann vermutlich mit den Handwerkern südwärts.
Essen beim Richtfest
Wie bei allen gemeinschaftlichen Festen gibt es auch beim Richtfest traditionelle Speisen, die man in der Gruppe an der großen Tafel isst – das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und war natürlich vor allem in früheren Jahrhunderten eine Gelegenheit, bei der man sich mal wieder so richtig satt essen konnte. Oft hatten die Speisen auch symbolischen Charakter: Sie sollten Wohlstand und Fülle zeigen und zugleich herbeirufen und den Beginn des Neuen positiv markieren.
So wurde z. B. in manchen Gegenden beim Richtfest vor dem Haus ein großer Topf Grießbrei gekocht und von den Handwerkern, den Gästen und Herr und Dame des Hauses gemeinsam verspeist. Ein großer Topf voll Gulasch war früher in Böhmen und im Osten Österreichs beliebt als Essen für die Handwerker beim Richtfest. Das Essen war jedoch auch Teil der Bezahlung für die Handwerker. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert gibt es zahlreiche Abrechnungen, in denen ‚Verehrungen‘ an die Handwerke, also Getränke oder Speisen, anlässlich des Arbeitsbeginns oder des Arbeitsabschlusses verschiedener Bauabschnitte aufgeführt werden.
Da gab es also bei Baubeginn den Grundwein für die Grundsteinlegung, die Rüstsuppe oder den Auf- und Abrüstwein, wenn das Gerüst für die Mauern aufgestellt oder abgebaut wurde, und wenn das Dachgerüst fertig war, trank man Hebwein, Richtbier oder Firstbier zum Hebschmaus oder Aufrichtmahl. In der Eifel wurde z. B. der „Bunnesflaaden“ gereicht, ein Hefe-Gebäck, das mit einem dicken Mus aus gekochten Birnen bestrichen wurde.
Zimmermanns-Sprüche zum Richtfest
Wenn der Richtkranz auf dem Dach befestigt war, hielt früher entweder der Meister oder der Altgeselle eine Rede zum Richtfest. Danach musste ein Glas über den Dachstuhl geworfen werden und zerbrechen, um Unheil abzuwenden vom Haus und seinen Bewohnern. Erst wenn das alles vorbei war, widmete man sich Speis und Trank.
Meist waren die Richtfest-Reden ausführlich, aber es gibt auch kurze Richtfest-Sprüche wie etwa diese beiden überlieferten Sprüche:
Richtfest-Spruch 1
Nun ist der Festkranz aufgericht‘,
Ihr tatet alle eure Pflicht.
Drum dürfen wir mit gutem Mut zum Richtfest sagen:
Das Haus ist gut!
Steh fest auf einem sichren Grund,
vom Keller bis zum Dach gesund.
Denen, die hier gehen aus und ein,
mag es stets eine Heimstatt sein.
Gott schütze es!
(aus: Lautenbach)
Richtfest-Spruch 2 (Süddeutschland)
Dieses Haus steh in Gottes Hand.
Der Herr bewahr es vor Feuer und Brand,
und alle, die gehen aus und ein,
laß dir, oh Herr, befohlen sein!
(aus: Lautenbach)
Richtfest-Spruch 3 (Eifel)
Kommt alle herbei, groß und klein!
Kinder, es regnet Weckebrei.
Fertig ist das Haus,
Gott schütte seinen Segen aus.
Dieses Haus steht in Gottes Hand,
Gott bewahr es vor Feu’r und Brand.
Gott beschütze alle, die gehen ein und aus,
Halte auch alles Unglück fern vom Haus!
Der Bauherr und seine Frau soll leben
Hoch! und ein guter Imbiß daneben.
(aus: Wrede)
Wer noch Geschenkideen für Mitbringsel zum Richtfest sucht, findet hier ein paar Tipps.
Quellen:
- Günter Wiegelmann, Barbara Krug-Richter: Alltags- und Festspeisen in Mitteleuropa. 2006
- Deborah Aaronson: Glück (Klopf auf Holz). 2009
- Reinhold Reith: Lohn und Leistung: Lohnformen im Gewerbe, 1450-1900. 1999
- Sonja Steiner-Welz: Geschichte des Mannheimer Handwerks. o. J.
- Ernst Lautenbach: Lexikon Sinn-Sprüche. 2009
- Adam Wrede: Eifeler Bauernleben in Sitte und Brauch.
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